Frühjahrsmesse AMBIENTE - Grösse über alles?


Trends 2017 Galleria 1 AMBIENTE 2017

AMBIENTE 2017 - Trendshow in der Galleria Ebene 1


Frankfurt am Main, 15.2.2017 - Monatelang bereiten sich deutsche und internationale Aussteller auf ihren Auftritt auf der Frankfurter Frühjahrsmesse, der AMBIENTE, vor: ein möglichst optimaler Standplatz in einer der angesagten Hallenebenen sollte es dann schon sein. Das bedeutet intensive Gespräche mit den jeweils verantwortlichen Verkäufern und Verkäuferinnen der Frankfurter Messe und ein teilweise jahrelanges „Hochdienen“ bis zum gewünschten Standort. Gerade die Hallen 9 und 11 (und Hallen 3 und 4 bei der GPK-Branche) sind bei Ausstellern und Besuchern sehr beliebt, zielen sie doch mit ihrem Ausstellungsangebot auf eine höhergenrige Händlerschaft mit designorientierter wie kaufkräftiger Endverbraucher-Klientel ab. 

Anschliessend die Konzeption und Umsetzung des Messestandes - (Innen-)Architekten, Messe- bzw. Ladenbauer, Handwerker und nicht zuletzt die Transportunternehmen - erst die Kooperation mehrerer Branchen ermöglicht als Abschluss den grossen Auftritt auf der AMBIENTE. Zwei bis drei Tage Auf- und Abbau der Stände,  dazu die fünf Messetage selbst - auch von den Nebenkosten her gesehen kein ganz preiswertes Vergnügen. Da kommen bei mittelgrossen Ständen in summa schnell schon einmal hohe fünf- oder gar sechsstellige Summen zusammen. Und die wollen dann ja auch während der Messe (oder durch ihr noch nachfolgende Orders) erst einmal eingespielt werden.

Und da beginnen auch die aktuellen Probleme, denn das geschilderte Grundmodell einer funktionierenden Messe lässt sich nach Einschätzung der rund 50 von mir während der AMBIENTE interviewten Aussteller in den Hallen 3, 9 und 11 immer seltener umsetzen. 

Die Gründe hierfür entziehen sich einfacher Betrachtungen. Vielmehr scheint ein ganzes Bündel von Ursachen dem Phänomen zugrunde zu liegen.

Beginnen wir mal mit überschaubaren Entwicklungen der vergangenen Monate auf Händlerseite: In Deutschland (und vielen weiteren europäischen Ländern) ist das Weihnachtsgeschäft vor Ort im langjährigen Vergleich überaus mau gelaufen. Der klassische stationäre Handel gab auch im November und Dezember 2016 weiterhin Anteile des Einkaufsvolumens an den E-Commerce ab. Die Angst vor Terroranschlägen hielt viele einheimische Kunden aber auch Touristen vom Einkauf in normalerweise stark frequentierten Einkaufsvierteln ab. Eine partielle Kompensation gelang hier sicherlich v.a. den grossen Möbelhäusern auf der grünen Wiese mit ihrem immer stärker werdenden Randprogramm sowie Händlern einzelner Einkaufszentren bzw. Shopping-Malls.

Unerfreulicherweise schloss sich bei vielen Präsenzhändlern ein ebenfalls umsatzschwacher Monat Januar an - beides, also schwaches Weihnachtsgeschäft wie schwungloser Jahresbeginn, drückte auf die Liquidität der Händler. Die in Deutschland übliche Umsatzststeuerabführung aus den Dezemberumsätzen am 10. Februar des Folgejahres- also pünktlich zu Messebeginn - belastete die Situation gerade für kleinere und mittelgrosse Händler zusätzlich - monetär wie psychologisch.

Dazu konkurrierten bereits zu Beginn des neuen Jahres die Regionalmessen in München, Hamburg und Dortmund um Gunst und Budgets der Einkäufer, dazu die Frankfurter Paperworld, Christmasworld und die Pariser Maison & Objet. Von den Textil- und Möbelmessen von Frankfurt bis Hannover, von Köln bis Stockholm wollen wir in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht erst reden, müssen jedoch trotzdem darauf hinweisen, weil sich auch die Portfolios der Messen laufend verändern und sich in Teilbereichen einander angleichen.

So endete die Frankfurter AMBIENTE am 14. Februar nach Angaben des Schlussberichts der Frankfurter Messegesellschaft zwar mit einem Besucherplus von 4 Prozent, gleichzeitig kamen bereits 55 Prozent der Besucher aus dem Ausland; bei den Ausstellern mehr als 80 Prozent - mit weiter steigender Tendenz.

Für die deutschen Aussteller bedeutet dies zweierlei: ihre angestammte Händlerklientel macht sich auf der AMBIENTE zusehends rar; Einkaufsbudgets werden zurückgefahren oder aufgesplittet. Ausländische Einkäufer können diesen Verlust theoretisch ausgleichen; gleichzeitig wird jedoch die Sichtbarkeit der Produkte und damit auch der Marken auf der heimischen Handelsfläche geringer.

Dazu gesellt sich wie ehedem das Problem preiswerter Kopien deutscher Produkte - aus Fernost wie Europa - wie sie mal wieder exemplarisch auf der Sondershow Plagiarius im Verbindungsgang zwischen den Hallen 5 und 6 gezeigt wurden. Nicht immer gelingt es auch gut informierten Endkunden, im Handel hier die Spreu vom Weizen zu trennen.

Als Positivum zeigte die Frankfurter Messegesellschaft (wieder einmal) ein sehr attraktives Programm rund um die Kernmesse:

  • Trends 2017 - eine Sondershow in der Galleria 1 - entworfen vom Frankfurter Stilbüro Bora.herke.palmisano - Materialien, Farben und Oberflächen, in einer sinnlichen Art erlebbar und deutlich spannender, als das Pendant auf der Paperworld vor zwei Wochen.

  • Design Plus Sonderedition „Ethical Style“ - direkt gegenüber der Trendshow wurde eine Ausstellung nachhaltig hergestellter Produkte präsentiert, die unterschiedlichsten Lebensbereiche umfassend.

  • German Design Award - hochkarätige Sonderausstellung des Rates für Formgebung - von der faltbaren Badewanne bis zur schön designten Wasserzisterne, vom Besteck bis zum Naked Bike aus Münchner Fertigung. Ein Muss in der Galeria 1.

  • AMBIENTE Academy - das Vortragsareal mit handelsrelevanten Themen in der Halle 9.2.

  • Readers’ Corner - Vorträge der britischen Designer Janice Kirkpatrick (die auch das Gastland-Sonderareal im Foyer der Halle 4 gestaltet hat), Bethan Gray und Sebastian Bergne über Historie und Charakteristika britischer Produkt- und Objektgestaltung.

  • Solutions - Problemlösungen für alltägliche Probleme in Küche und Haushalt (Gestaltung: Sebastian Bergne).

  • Talents - Design-Newcomer in den Bereichen „Dining“, „Giving“ und „Living“.  

  • Next - Förderareal für junge und kreative Unternehmen der nächsten Generation.

  • Accessories & Jewelry - schöne Produkte und schöne Stände - modisch und/oder kunsthandwerklich - von Schmuck, Lederwaren, Taschen und Gürteln bis zu Pflege- und Wellnessartikeln - in idealer Kombination.

  • Premium-Areal in der Halle 11.1 - analog dem „Village“ auf der Hamburger Nordstil - eine Kooperation designorientierter deutscher inhabergeführter Aussteller.

  • DENSAN - „The Association for the Promotion of Traditional Craft Industries“ - ein sehr schöner Sonderstand mit handwerklich hergestellten Produkten aus Japan in der Galleria 0 - und direkt in der Nachbarschaft zur grössten Buchauswahl auf der AMBIENTE - bei DT Collection.

  • Dazu kommen weitere zahlreiche Design- und Sonderschauen in oder vor den einzelnen Hallen - spannend und v.a. inspirierend für die Einkäufer.


Stellt sich abschliessend die Frage nach einem Fazit der fünf Tage AMBIENTE: gar nicht so einfach; Eindrücke wie Auskünfte waren sehr facettenreich und teilweise auch widersprüchlich. 

Eine Kritik, die immer wieder von Ausstellern geäussert wurde: Betreuung und Kommunikation von Seiten der Messe liessen sich sowohl im Vorfeld als auch während der Veranstaltung stark verbessern - andere Veranstalter (auch im europäischen Ausland) seien hier bereits weiter. 

Die Ausstellermischung in der Halle 11.0 gab einigen Ausstellern Anlass zur Klage - zu heterogen sei die Zusammenstellung im Laufe der letzten Jahre geworden - einige Aussteller haderten gar mit der Idee einer erneuten Teilnahme an der AMBIENTE 2018. 


Fotostrecke zur AMBIENTE 2017

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