Handel in der Rhein-Main-Region … und die im Schatten sieht man nicht?


20160829 Skyline Plaza

Einkaufszentrum Skyline Plaza, Europaallee, Frankfurt am Main


Frankfurt, 29.8.2016 - Die aktuell in die letzte Runde einbiegende Frankfurter Herbstmesse Tendence lässt uns nach den ersten Tagen und Gesprächen etwas ratlos zurück (Bericht folgt). Und bietet gleichzeitig Anlass, einmal die Situation des lokalen und regionalen Handels rund ums Frankfurter Messegelände zu beleuchten. 

Nicht sehr weit laufen müssen interessierte Messegäste, um z.B. auf der Rückseite der Messehallen das jüngste Frankfurter Einkaufszentrum Skyline Plaza zu besuchen. 

Sie werden ein sehr modernes, aufgeräumt wirkendes und sehr sauberes ECE-Center vorfinden. Sollten sie Beratung wünschen - kein Problem, die Mitarbeiter haben viel Zeit und freuen sich über jeden, der ihre Expertise in Anspruch nimmt. 

Und hier sind wir auch schon beim Kernproblem des Skyline Plaza: Kunden sind rar. 

Ausnahmen sind v.a. rund um die Mittagszeit zu beobachten - Supermarkt, Bäckerei und Apotheke im Erdgeschoss und der Food Court im ersten Obergeschoss sind sehr gut frequentiert - es bilden sich zum Teil lange Schlangen an den einzelnen Spezialitätenimbissen. 

Lässt man sich davon nicht beeindrucken und schaut sich in den angrenzenden Fachgeschäften oder beim Ankermieter Saturn um, ergibt sich ein komplett anderes Bild: viele Händler klagen auch nach drei Jahren über maue Umsätze, mangelnde Frequenz und ein wenig entgegenkommendes Center-Management.

Freilich benötigt ein neues Einkaufszentrum in einer bislang noch nicht vollständig erschlossenen Umgebung wie dem entstehenden Europa-Viertel eine angemessene Anlaufzeit. Diesen langen Atem haben jedoch viele Händler nicht - von Anbeginn gab und gibt es immer wieder Leerstände - auch aktuell betrifft das neun Ladenflächen, wie Petra Kirchhoff am 27.8.2016 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet. 

Das Center-Management schildert die Entwicklung des Skyline-Plaza in den rosigsten Farben - und widerspricht damit sowohl den Einschätzungen der Händler als auch unseren Beobachtungen. 

Und auch jenen von Dr. Joachim Will, Geschäftsführer der Wiesbadener ecostra GmbH, die sich auf Analysen von Einkaufszentren und Outlet-Centern spezialisiert hat.

Im letzten vorliegenden Ranking aus dem Sommer 2015 (Shoppingcenter Performance Report Deutschland), gemeinsam von ecostra mit der Immobilien-Zeitung und der Fachzeitschrift Textilwirtschaft erstellt, landete das Skyline Plaza mit der Durchschnittsnote 3,96 auf Platz 236. 

Im Gegensatz dazu rangierte das älteste Einkaufszentrum Deutschlands, das Main-Taunus-Zentrum mit der Note 1,72 auf dem bundesweit sechsten Rang (Zahlenangaben vgl. Petra Kirchhoff, a.a.O.).

Immer wieder „vergessen“ Immobilienentwickler und Betreiber von Einkaufszentren, dass Frankfurt inzwischen zwar an die 700.000 Einwohner zählt, diese aber auf einer Stadtfläche konzentriert, die ungefähr jener Bielefelds entspricht - viel mehr Verdichtung geht deutschlandweit kaum. 

In zwei Jahren laufen die ersten Mietverträge im Skyline-Plaza aus - hoffen wir, dass sich das Europa-Viertel bis dahin konsolidiert und die Anrainer das Einkaufszentrum für sich als kompetente und stylische Einkaufslocation entdecken.

Lassen wir uns Main abwärts treiben und blicken auf die Situation in Mainz. 

Das jüngste Einzelhandelsmonitoring der Mainzer Wirtschaftsförderung sorgt sich um hohe Mieten in der Fastnachts-Hochburg. Sie belaufen sich im Erdgeschoss auf 80-120 Euro pro Quadratmeter und Monat - in 1a-Lagen. Der auch daraus resultierende innerstädtische Leerstand trifft aktuell 33 Ladengeschäfte, rund 4 % des untersuchten Bestands im Areal zwischen Grosser Bleiche, Ludwigstrasse, Brandzentrum, Faustrasse und Augustinerstrasse. 

Dazu kommen elf Geschäfte, die wegen Umbau vorübergehend geschlossen sind. Zudem ist der Filialisierungsgrad in den 1a-Lagen mit rd. 84% im Vergleich ähnlicher Innenstädte als hoch einzuschätzen.

Und wieder Main aufwärts zurück in den Frankfurter Osten. 

Hier bringen die Erweiterungspläne für das Frankfurter Hessen-Center im Stadtteil Bergen den Hanauer Bürgermeister Claus Kaminsky auf die Palme. Er befürchtet, dass nach der geplanten Flächenausweitung um 14.000 auf dann 53.000 Quadratmeter die Einkaufsqualität der Hanauer Innenstadt leiden könnte. Zudem verstosse die Ausdehnung gegen den Regionalplan Südhessen und die im Regionalen Flächennutzungsplan festgelegten Ziele der Einzelhandelsentwicklung (vgl. auch Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Hanau verlangt Mitsprache“, 27.8.2016, S. 49). 

Die Sorgen Kaminskys sind für Anwohner der Region nachvollziehbar: erst vor einem Jahr hat das neue innerstädtische Einkaufszentrum Forum Hanau eröffnet - als wichtiger Teil der Sanierung des früher ziemlich desolaten Hanauer Innenstadtbereichs. Allerdings ist der Frankfurter Osten und damit auch das inkriminierte Hessen-Center innerhalb einer Viertelstunde über die A66 mit dem Auto von Hanau aus erreichbar.

Kaminskys Haltung wird durch ein Gutachten gestärkt, dass die Stadt Hanau von der internationalen Anwaltskanzlei Allen & Overy erstellen liess. Demnach sei die „Missachtung des interkommunalen Abstimmungsgebots ein schwerer Abwägungsmangel“, wie Kaminsky in einem Schreiben an den neuen Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef betont (a.a.O.). Er verlangt demzufolge die Berücksichtigung der Belange Hanaus bei der Erweiterung des Hessen-Centers.

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