Update: Kaiser’s Tengelmann - war’s das nun nach 135 Jahren? Über das Ende vom Ende und das Waschen schmutziger Wäsche.

Quelle Einzellogos: Edeka  / Kaiser’s Tengelmann - Montage: MB


Mülheim an der Ruhr/Köln/Berlin, 17.10.2016 - Knapp 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aktuell deutschlandweit bei Kaiser’s Tengelmann beschäftigt - dazu kommen noch viele Tausend Familienangehörige. Rund die Hälfte, also 8.000 Arbeitsplätze stehen davon nach Branchenschätzungen auf der Kippe, sollte Kaiser’s Tengelmann Inhaber Karl-Erivan Haub seine Pläne zur Zerschlagung des Konzerns umsetzen. Bis zum Samstag schaut es leider ganz danach aus. Auch die intensiven Vermittlungsbemühungen der Gewerkschaft ver.di konnten bislang nichts an der verfahrenen Situation ändern.

Ursprünglich sollte ja eine bereits im Jahr 2014 beschlossene Übernahme von Kaiser’s Tengelmann durch den Marktführer Edeka den weitgehenden Erhalt von Filialen und Arbeitsplätzen sicherstellen - ursprünglich. Doch das Bundeskartellamt legte sein Veto ein, Wirtschaftsminister Gabriel überstimmte es mittels Ministererlaubnis, diese wurde wiederum in einem Eilverfahren vom OLG Düsseldorf kassiert; die Wettbewerber Markant, Norma und Rewe hatten gegen die Ministererlaubnis zur Zulassung der Fusion Beschwerde eingelegt.   

Schuldige gesucht.

Die Medien schiessen sich im Moment auf Rewe-Chef Alain Caparros ein - ihm wird eine Schlüsselposition bei der Lösung des Patts zugeschrieben. Ein dreistelliger Millionenbetrag, so die Autoren Markus Balser, Michael Kläsgen und Kristiana Ludwig von der Süddeutschen Zeitung in ihrem Beitrag vom 15.10.2016, „Warten auf den REWE-Chef“, und schon wären die Arbeitsplätze gerettet. 

Die Mitbeschwerdeführer MARKANT und der Discounter Norma, so ist in den Krisengesprächen zwischen den beteiligten Unternehmen, ver.di-Chef Frank Bsirske und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel klargeworden, wären mit einem ähnlichen Handel in abgespeckter Form einverstanden und zögen dann ihrerseits die Beschwerde beim OLG zurück (UPDATE - Norma hat am 20.10.2016 angekündigt, seine Beschwerde zurückziehen zu wollen; ebenfalls MARKANT am 23.10.2016).

Caparros wird nun von Politik und Gewerkschaft heftig gedrängt, es den kleineren Wettbewerbern gleichzutun und den Multi-Millionen-Scheck fürs Einlenken zu akzeptieren. Damit könnten die Arbeitsplätze bei Kaiser’s Tengelmann für die nächsten fünf Jahre gerettet werden - so sieht es die Ministererlaubnis vor. Am Freitagnachmittag gab er der Nachrichtenagentur Reuters ein Interview, in dem er seine Gesprächsbereitschaft zu einem letzten Einigungsversuch beteuerte.

Denn die Einigung könnte auch für ihn und Rewe eine reizvolle Perspektive bieten, nämlich eine Schwächung des Konkurrenten Edeka für die nächsten Jahre, so die Süddeutsche:

„Die Rewe-Leute haben das mal durchgerechnet. Allein die Einhaltung der Tarifverträge würde Edeka 120 bis 150 Millionen Euro kosten. Mehr noch: Die Bedingungen der Ministererlaubnis beziehen sich auf 451 Läden und 16 000 Mitarbeiter. Bis Ende dieses Jahres wird die Zahl der Filialen aber auf höchstens noch 405 geschrumpft sein - und die der Mitarbeiter auf 14 500. Das bedeutet: Bei strikter Einhaltung der Ministererlaubnis müsste Edeka Mitarbeiter einstellen, ohne sie gebrauchen zu können und zwar nach Tarifvertrag. Zusätzlich hätte Edeka Fleischwerke und Lager am Hals, die der Konzern nicht wirklich benötigt.

Dass ihn solche Gedanken umtreiben, würde der Franzose mit dem deutschen Pass in seiner temperamentvollen Art zwar weit von sich weisen. Was ihn wirklich umtreibt, bleibt rätselhaft. Am Donnerstagabend ließ Caparros einmal mehr, diesmal per Pressemitteilung, die Mär verschicken, wonach Rewe gewillt sei, statt Edeka die Läden von Kaiser's zu übernehmen, und zwar mit allem Drumherum, den Fleischwerken und den Lagern, und auch mit den Tarifverträgen. Caparros posaunt das so bei jeder Gelegenheit heraus. Rewe hat die Botschaft auch schon per Anzeigen-Kampagne verbreitet. Hinter den Kulissen sollen sich die Rewe-Leute aber darüber amüsieren, welche Lasten Edeka sich da aufgebürdet hat.“

Einer Lösung in letzter Sekunde nicht gerade förderlich ist auch das gespannte persönliche Verhältnis zwischen Karl-Erivan Haub und Alain Caparros. Denn die beiden sind geschäftlich schon einmal sehr direkt aneinandergeraten - bei Haub’s Verkauf seiner Plus-Märkte um die Jahrtausendwende. Ausserdem hält Haub eine Beteiligung an Netto, welche wiederum zu Edeka gehört. So könnten im Zuge der geplanten Fusion mit Edeka auf mittlere Sicht auch bisherige Kaiser’s Märkte in Netto-Filialen umgewandelt werden - bei positiver Geschäftsentwicklung ein durchaus nettes Zusatzgeschäft für Haub. 

Karl-Erivan Haub ist aber nicht nur wilder Spekulant, sondern gilt auch als sehr sozial, wie die Kollegen der SZ betonen - ein echter Januskopf: 

„(…) Karl-Erivan konnte hingegen mit den Supermärkten nie etwas anfangen. Start-ups sind vielmehr seine Sache. Am Mittwoch feierte er im Münchner ‚Kohlebunker‘ das fünfjährige Bestehen des Online-Möbelhauses Westwing. Daran ist Haub seit drei Jahren beteiligt. Dafür ist er sehr sozial. Kaiser's zahlt besser als die meisten anderen, und zwar in der Regel nach Tarif. Haub bleibt seinen Kunden treu und subventionierte die verlustbringenden Supermärkte mit Einnahmen bei Obi und Kik, den Ketten, die ihm ebenfalls gehören. Die soziale Ader Haubs ist in den Märkten unverkennbar. In den Berliner Tengelmann-Filialen ist von den 5300 festen Mitarbeitern fast jeder Fünfte älter als 50 Jahre. ‚Es gibt eine hohe Vereinstreue‘, sagt der Betriebsrat.“

Aber zu seiner Janusköpfigkeit gehört dann leider auch, dass Karl-Erivan Haub am Montag, den 17. Oktober beginnen will, Kaiser’s Tengelmann zu zerschlagen. Edeka soll eine Art Vorkaufsrecht beim Verkauf der Filialen bekommen - für jede einzelne Filiale können Gebote abgegeben werden, auch von anderen Interessenten. Vor allem die 105  Filialen in Nordrhein-Westfalen gelten als kaum überlebensfähig.

Bild am Sonntag setzte am 16.10. noch eins drauf: "Chef Karl-Erivan Haub (58) gibt Rewe die Schuld, wirft dem Konkurrenten Wirtschaftsspionage vor. Tatsächlich kennt sich der Mann gut mit Spionage aus. Laut vertraulichen Unterlagen, die BILD am SONNTAG vorliegen, ließ der Milliardär Mitarbeiter und Geschäftspartner (…) beschatten, belästigen und bedrohen.


„Was da abläuft, ist eine Schweinerei“ - Interview mit Rewe-Chef Alain Caparros in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. Oktober 2016

„Internes Protokoll widerlegt Aussagen von Rewe-Chef“ - die Süddeutsche Zeitung legt prompt nach - Lesen Sie selbst…


Quelle: ARD-Morgenmagazin vom 17.10.2016, Marion Schmickler, WDR

Quelle: ZDF „Volle Kanne“ vom 17.10.2016


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